Tara verschlang ihre Mahlzeit wie immer hastig, Chicca hingegen stocherte zunächst schnippisch, dann spielerisch in ihrem Napf herum, fing schließlich zu essen an, ließ aber die Hälfte übrig. Danach zog sie sich rasch in ihr Körbchen zurück und observierte von dort ihren Napf.

Kaum war Chicca in ihrem Bau verschwunden, erhob sich Tara flink von ihrem bequemen Lager und tastete sich umsichtig wie auf weichen Pfoten in Richtung Esszimmer auf Chiccas Napf zu. Sie blieb aber am Türrahmen stehen, als wollte sie sich vergewissern, ob die Luft rein sei. Die in ihrem Körbchen versteckt lauernde Chicca gab keinen Laut von sich, als harrte sie der Dinge, die da kommen würden. Die Atmosphäre im Esszimmer und um den Napf war gespannt wie vor einem explosiven Ereignis. Tara schien sich ihrer Sache sicher und bewegte sich mehr und mehr auf den Napf zu. Doch kaum hatte sie mit ihrer Nasenspitze seinen Rand erreicht, da machte Chicca einen Satz aus dem Versteck, zerriss mit ihrem metallenen Gebell die Stille und vertrieb die gefräßige Tara. Wie aufs tiefste gedemütigt, trollte sich die Dalmatiner-Hündin zunächst mit gesenktem Kopf davon, blieb aber, sobald sie außer Sichtweite war, hinter dem Türrahmen stehen, als wartete sie dort auf eine neue gute Gelegenheit, sich der restlichen Mahlzeit von Chicca zu bemächtigen. Letztere wiederum zog sich ebenfalls zurück in ihr Körbchen, ganz offensichtlich darauf wartend, dass Tara erneut einen Fehler mache. Als ich danach immer öfter Zeuge dieses Spiels wurde, sah ich ein, dass meine Hunde ihre Rollen längst einstudiert hatten: Mit der Zeit war es der kleinen Chicca  gelungen, die große Tara beim Füttern so zu disziplinieren und in die Schranken zu weisen, dass sie vor ihr und vor dem Inhalt ihres Napfes bald großen Respekt hatte; obwohl das Spiel um den Napf selbst immer wieder von neu inszeniert wurde. Ein vergleichbar harmonisches, abwechslungsvolles und äußerst friedliches Hundepaar wie Tara und Chicca konnte ich mir damals kaum vorstellen. Daran änderte sich auch dann nichts, wenn bei Spaziergängen oder auf Wanderungen ein anderer Hund sich ihnen anschloss.