Bei aller Verschiedenheit in der Größe und im Wesen, hatten beide eines gemeinsam: Chicca fühlte sich keineswegs wehrlos und Tara bestätigte sie darin, je mehr sich die Kleine mit ihr verbunden fühlte und in ihrem neuen Zuhause Wurzeln schlug. Es dauerte nicht lange, da hatte sie sich vollends eingelebt und trug eine Unbekümmertheit zur Schau, die exemplarisch schien. Im Verhältnis zu Tara legte sie mit der Zeit eine geradezu verdächtige Sicherheit an den Tag, die mich stutzig machte. Zwischen den beiden war etwas im Gang, das sich meiner Aufmerksamkeit bislang entzog. Ich beschloss dahinter zu kommen was es damit auf sich hatte. Ich fütterte die Hunde gewöhnlich in der Frühe kurz vor 9 Uhr, bevor ich in die Praxis ging. An einem Mittwoch jedoch kam ich nicht mehr dazu, weil ich einen Notfall hatte, und versorgte die Tiere erst nach 12 Uhr, als ich wieder zu Hause war. Und weil ich Mittwochnachmittag keine Sprechstunde hielt, versuchte ich mich gleich nach der Fütterung auf der Terrasse zu erholen. Tara hatte ihren Napf in der Küche, Chicca im Esszimmer. Die halbgeöffnete Terrassentür gab den Blick auf die Näpfe beider Tiere frei.

Im ersten und im zweiten Jahr, nachdem Chicca zu uns gekommen war, hatte ihre Anwesenheit wie eine Verjüngungskur auf Tara gewirkt; das blieb uns nicht verborgen. Zwar war sie nie träge, doch wurden ihre Bewegungen zusehends elastischer, der Schritt flinker, voller Behändigkeit; es war, als erlebte sie noch einmal ihre Jugend. Diese Zeit war eine große Genugtuung für uns. Doch in die innere Befriedigung mischte sich später allmählich auch Nachdenken, als wir sahen, dass sich der Altersunterschied zwischen den beiden bei Tara doch schleichend bemerkbar machte und Chiccas Temperament die Dalmatinerhündin nicht mehr so mitreißen konnte.

Tara gab zwar nicht auf, sie tat sich aber immer schwerer damit, Chiccas Aufforderungen zum Spiel zu genügen. Vielleicht war dies ein Grund, weshalb wir mit dem Gedanken spielten, uns eine zweite Chihuahua-Hündin anzuschaffen, die Chicca von Tara ein wenig ablenken würde.